Haushoch

​Ich male Bilder aus leuchtenden Farben, zu wässrig aufgetragen, bis sie ineinander verlaufen und ein Matschbraun bilden. Ich nehme Pinsel in die Hand, mache damit sorgsame Striche und zarte Linien, um danach die Borsten tagelang im Wasser stehen zu lassen, bis sie sich biegen oder von allein aus der Fassung lösen. Mein Papier wird wellig und die Leinwände verstauben irgendwo ungenutzt.

Ich schreibe Geschichten, in denen sich Feen und Monster die Klinke in die Hand geben und am Ende ein ganz normales Mädchen im Supermarkt Dinge kauft, die es eigentlich gar nicht benötigt. Mein Kopf ist voll von Metaphern und Reimen, die am leeren Blatt vor mir abprallen und lieber im Stift verweilen, weil es darin so schön flauschig nach Tinte riecht. Drei Romane habe ich schon geschrieben und bin längst ausgezeichnete Bestsellerin, mit Haus am Strand auf dem Berg in Bielefeld, zumindest in einem der Bücher, die in meinen Gedanken kreisen.
Ich bin Fotografin, knipse jeden Tag mit meinen Augen tausende Bilder von der großen weiten Welt. Mein Mauszeiger fliegt über Google Maps und schon erlebe ich fremde Kulturen, atemberaubende Anblicke und Naturschauspiele. Und wenn mir nach einem Stilleben zumute ist, stelle ich einfach ein bisschen Obst und eine Vase auf einen Tisch und ignoriere sie.
Ich bin Schneiderin, aus zauberhaften Stoffen suche ich mir die schönsten aus und entwerfe Abendroben, Kostüme und Kleider. Mein Brautkleid hängt längst bei all den anderen, in meinem Oberstübchen. Manchmal nähe ich auch einfach irgendwo einen Knopf wieder an.
Ich bin Eventplanerin, Erzieherin, Sängerin, Schauspielerin, Köchin, Tänzerin, Postkartendesignerin, Millionärin, Chefin. Ich messe keine 1,60m, aber in meinem Kopf bin ich Riese.

Irgendwann werde ich all das sein. Vielleicht sind die Millionen dann nicht auf dem Konto, sondern als Staubflusen unter dem Sofa. Vielleicht werden meine Geschichten nur deine Monster unter dem Bett bekämpfen und deine Kostüme unterschiedlich lange Ärmel haben. Irgendwann werde ich mit dir Bilder malen und die Welt bestaunen. Irgendwann werde ich ein Riese für dich sein.

Comickatzen und Neujahresgrinchs

Ich mache mir nicht viel aus Sylvester, Zeichentrick war noch nie mein Ding. Silvester ist mir an sich auch nicht viel wichtiger. Ich zähle nicht bis Mitternacht ab zehn herunter und während sich alle in die Arme fallen, denke ich mir auf öffentlichen Veranstaltungen häufig „Nein, wir sind keine Freunde, ich möchte dich nicht drücken!“ (Sorry!) … und bin zumindest ein bisschen froh, den amerikanischen Neujahreskuss nicht auch noch durchziehen zu müssen. Ich trinke ungern Sekt und kann mich für Feuerwerk nur dann begeistern, wenn es gut choreographiert und am besten großkalibrig ist. In der Rolle als euphorischer Jahreswechsler kann ich wirklich keinen Blumentopf gewinnen. 

Dennoch liegt jedem Jahresanfang auch ein Zauber inne: Ich mag es, wie viele meiner Mitmenschen kurz auf die Pause-Taste drücken, das alte Jahr noch einmal zurückspulen und ihnen meistens dabei auffällt, wer und was sie glücklich macht. Das sollten wir alle öfter tun und vor allem nicht nach der obligatorischen Neujahresmiezekatze so schnell wieder aus den Augen verlieren. Auch an guten Vorsätzen habe ich mittlerweile ein bisschen Gefallen gefunden. Meine letzten habe ich tatsächlich fast alle eingehalten. Der Trick ist dabei, sich nicht zu sehr auf Details festzunageln und realistisch zu bleiben. Wenn du bisher kein sehr selbstdisziplinierter Mensch warst, dann veränderst du dich nicht plötzlich komplett und organisierst alles völlig neu. 

Ein kleines Praxisbeispiel: Für 2016 hatte ich mir vorgenommen, mindestens einmal Joggen zu gehen. Das klingt vielleicht ein wenig lächerlich, aber im Gegensatz zu allen vorher dagewesenen Jahren habe ich meinen inneren Schweinehund ganze zwei Mal überwunden und bin frohen Mutes gelaufen. Das macht mich nicht zu Forrestina Gump, jedoch kann ich mit Recht und Fug sagen: Ich habe es zumindest versucht. Neujahresvorsätze sind kein Wettbewerb, sondern ein kleiner Merkzettel, welche Veränderungen man sich an sich selbst wünscht. Im Jogging-Fall war das nicht superfit-werden und plötzlich nichts anderes mehr tun wollen, sondern etwas ausprobieren von dem ich überzeugt bin, dass ich es nicht leiden kann. Ein bisschen hat es mir tatsächlich gefallen. Ein klitzeklitzekleines bisschen. 

Im Prinzip geht mir das mit jeder Silvesterfeier so: Ich weiß vorher, dass ich den Großteil der Veranstaltung nervig finden werde. Aber irgendetwas ist dann eben doch schön – wie zum Beispiel diejenigen zu umarmen, die mir tatsächlich am Herzen liegen.

Ich möchte nicht wegsehen.

Vor ein paar Tagen führte ich mal wieder bei Facebook eine Debatte, der ein unsinniges „Die Asylbewerber bekommen vom Staat ganz viel Geld hintergeworfen!“-Bild vorausging. Innerhalb dieser Debatte wurde ich als „Gutmensch“ abgestempelt und darauf hingewiesen, dass ich das doch nicht ansehen müsse, wenn es mir missfällt.

Ganz Unrecht haben sie nicht: Wenn ich einfach alle Menschen meines Umfeldes de-abonniere, die ähnliche Dinge durch die Welt streuen, habe ich sicherlich ein ruhigeres Leben. Aber dadurch fängt keiner von ihnen an, besser nachzudenken. 

Ich will nicht in einer Welt leben, die sich immer mehr in verfeindete Lager aufspaltet. Egal ob zwischen „Gutmensch“, „Nazi“ oder „Asylant“ – Keiner sollte sich in eine bestimmte Kategorie einordnen müssen. Extremismus geht nie gut aus.

Ich möchte nicht wegsehen, wenn Bekannte, Freunde oder Fremde Hass und Neid verbreiten, ohne über die möglichen Folgen nachzudenken. Gerade in Sachsen haben viele Menschen Angst – um Existenz, vor Unbekanntem, vor der Zukunft – und nehmen AfD/Pegida-Versprechen dankbar als Rettungsboot, ohne zu hinterfragen, ob diese wirklich etwas anders und besser machen können. Keine Partei der Welt kann mit einem Fingerschnipp Probleme lösen, egal ob rechts, links, Mitte, oben oder unten.

Um wieder zur „Gutmensch“-„Nazi“-Debatte zurückzukehren: Nein, ihr seid keine Nazis. Es waren auch sicher viele ganz und gar keine Nazis, die die NSDAP an die Macht wählten. Aber diese Partei versprach neue Lösungswege und hatte starke Redner und Redenschreiber. Das klang sicher alles echt gut – und es waren ja bestimmt nur ein paar Leute dabei, die wirklich etwas gegen die Juden hatten.

Genau deswegen höre ich nicht auf, immer wieder zu hinterfragen und darauf hinzuweisen, dass ganz genau darüber nachgedacht werden muss, welche Inhalte man teilt und was man damit erreicht. Schon einmal haben sich sehr viele Menschen in diesem schönen Land blenden lassen. Der Ausgang ist bekannt. 

Und wenn du jetzt denkst „Aber das war etwas ganz anderes, das kann so gar nicht noch einmal geschehen“, dann empfehle ich dir das Buch „Die Welle“ von Morton Rhue. Das wurde übrigens mehrfach verfilmt, für Lesefaule.

Ich möchte nicht wegsehen. Ich möchte nicht irgendwann vor folgenden Generationen in Erklärungsnot geraten, wie ein Land zweimal dieselben fatalen Fehler begehen konnte. Lieber diskutiere ich eben auf Facebook, selbst wenn man dort oft allein auf weiter Flur steht, wenn man nicht sofort klar für oder gegen etwas ist. Es ist schon viel gewonnen, wenn nur einer zweimal nachdenkt, was er teilt, und zu dem Schluss kommt, dass er den Beitrag aus Wut und Polemik vielleicht doch besser lässt. 

Vielleicht nützt das am Ende gar nichts. Möglicherweise verschwende ich nur meine Zeit. Aber ich habe zumindest nicht einfach nur den Blick abgewandt.

Herzenswunsch

Tu nur das, was dein Herz dir sagt.

Wie oft nimmt man sich das vor: Weniger zerdenken, auf das Bauchgefühl hören, genau das tun, wonach man sich fühlt. Diese Woche habe ich das getan. Und kann mich nur so halbstark darüber freuen.

Wenn es nämlich um unsere berufliche Zukunft geht, werden wir alle zum Angsthasen. Zu tief eingeimpft ist Muttis „Bleib da lieber auf der sicheren Seite!“. Ähnlich wie ihre Warnungen vor roten Ampeln und heißen Herdplatten befolgen wir dies meistens brav, ohne zu realisieren, dass es nicht um Leben und Tod geht.

Mit ein bisschen (Un-)Glück ist man aber so ein verquerer Sturkopf wie ich es bin. Statt die nette kleinbürgerlich-sichere Version zu nehmen, bin ich gerade einmal mehr dabei, mit Schwung ins völlig Ungewisse zu hüpfen. Ein fester Job im gewohnten Umfeld klingt nett, schlechte Bezahlung und das tägliche Herbeisehen des Feierabends für mich eher weniger. Also versuche ich, den leisen Vorwurf der „Spaßgesellschaft“ älterer Generationen wegzulächeln. Es ist nicht zu viel verlangt, Freude und Erfüllung in dem finden zu wollen, das man 40 Stunden pro Woche tut. Dass man dabei nicht 8 Stunden am Tag lacht, ist ganz klar.

Nur ein bisschen Erfüllung, hin und wieder, das will mein Herz. Was kann schon schiefgehen?

Schreibkrampf

In meiner Kindheit stand für mich eines fest: Ich wolle Schriftstellerin werden. Lehrer lobten die Geschichten, die ich mir ausdachte, für Aufsätze regnete es prinzipiell Einsen und meine Familie findet noch immer alte Zettel und Briefchen, auf denen ich kleine Gedichte für sie verfasst habe. In der Pubertät ließ ich Ängste und Zweifel an Stift und Papier aus, als die Stimme versagte. Auch heute noch steht auf meiner Bucket List, dass ich unbedingt eines Tages ein eigens verfasstes Buch in den Händen halten will.

Dabei gibt es nur ein Problem: Ich habe bis heute nie damit angefangen. Vom elterlichen Rat „Lerne lieber erst einmal etwas anständiges, mit Schreiben verdient man kein Geld!“ über gestern bereits erwähnte berufliche Umwege ist vom ursprünglichen Traum nur eine Frage übrig geblieben. WAS schreibe ich überhaupt? – Genau das ist der Knackpunkt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass einfach alles schon einmal dagewesen ist. Wahrscheinlich sogar besser, schöner, witziger. Vermutlich turnen im Internet bereits drölf andere Blogs herum, die sich mit diesem Thema beschäftigen.

Ich bin mir nicht sicher, ob aus Versagensangst oder dem Unwillen, in der Mittelmäßigkeit zu versinken; irgendetwas hält mich davon ab, einfach drauflos zu tippen. Genauso zögere ich, im Kopf ein Konzept zu erstellen und dieses in Stichpunkte zu fassen. Mein Hirn weigert sich schlicht, überhaupt an irgendeiner Stelle anzufangen. Das war als Kind wesentlich leichter. Meine Phantasie produzierte teilweise echt abgedrehte Geschichten und die Menschen um mich herum waren amüsiert, wenn nicht sogar erstaunt.

Möglicherweise sollte ich all den Erwachsenenkram beiseite lassen und wieder einfach schreiben, was mir in den Sinn kommt. Vielleicht sind diese Zeilen schon ein kleiner Schritt. Ganz unverkrampft.

Nanu?

Beim täglichen Herumwildern in den Untiefen des Internets fand ich heute etwas sehr überraschendes: Einen eigenen WordPressAccount – erstellt 2008.

Vor nur 8 Jahren hatte ich also scheinbar einmal die irrsinnig gute Idee, meine Gedanken, Gefühle und überhaupt alles schriftlich in die ganze Welt hinauszutragen. Selbiges tat ich im Prinzip bereits in einer kleinen regionalen Community. Gut, dass es dort geblieben und später nicht mehr aufgetaucht ist.  Obschon ich manch einen Text gerne aus der heutigen Perspektive lesen würde  (jaja, das Internet vergisst nie – wenn’s nur so wäre!). Zum  Wordpress-Blog scheint es jedenfalls dann doch nie gekommen zu sein. Da war wohl meine Aufmerksamkeitsspanne mal wieder etwas limitiert.

Doch halt! Gereift, gestärkt und voller Lebensfreude bin ich nun endlich bereit, all meine tiefsten Emotionen sowie mein Alltagsgeschehen haarklein darzulegen. Obwohl… vielleicht schreibe ich auch einfach nur hin und wieder irgendetwas auf, das gerade durch meinen Kopf hüpft. Denn Schreiben wollte ich eigentlich schon immer. Mir fehlt nur irgendwie das Konzept.

Außerdem will ich zu den coolen Bloggerkids zählen. Und wenn’s zehn Jahre zu spät ist.